Das war der Freienkongress 2026 in Bonn

Von Stephan Hackenbroch (WDR)

Bei der Deutschen Welle in Bonn haben am vergangenen Wochenende die Freienvertreter der öffentlich-rechtlichen Sender mit rund 180 Gästen aus Medien, Politik und Gewerkschaften über aktuelle und künftige Herausforderungen debattiert. In Workshops und Panels ging es unter anderem um die Auswirkungen des Reformstaatsvertrags oder um die Abhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Sender von Technologiekonzernen.

Danica Bensmail (dju in verdi), Nathanael Liminski (NRW-Medienminister, CDU), Barbara Massing, (Intendantin der Deutschen Welle), Mika Beuster (DJV) und Andreas Lamm (European Center for Press and Media Freedom) im Gespräch mit Moderatorin Stephanie Funk-Hajdamowicz (Vorstand Freienrat, WDR) Foto: Jan-Markus Holz

Freie und Pressefreiheit weltweit unter Druck.

Zu Beginn des zweitägigen Kongresses ging es um die zunehmende Gewalt gegen Journalisten. Reporterinnen und Reporter sind immer häufiger Angriffen ausgesetzt. Weltweit sinkt die Sicherheit für Medienschaffende. Laut Reporter ohne Grenzen belegte Deutschland im Jahr 2025 nur noch Platz 11 in der Rangliste der Pressefreiheit und ist damit erstmals aus den Top 10 heraus gerutscht.

Andreas Lamm vom European Center for Press and Media Freedom (ECPMF) beobachtet seit rund zehn Jahren die Gewalt gegen Journalisten in Deutschland. Über 500 Fälle, in denen sich Medienschaffende Gewalt ausgesetzt sahen, habe er seitdem dokumentiert. Vor allem Demonstrationen blieben dabei besonders gefährlich.

Der Schutz durch die Polizei funktioniert nicht mehr selbstverständlich. NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU) räumt ein, dass der polizeiliche Umgang mit Journalisten auf Demos problematisch sein könne, müssten sich Polizisten doch, gerade wenn es hitzig werde, zunächst einmal darum kümmern, dass Situationen nicht eskalieren. Hinzu komme eine steigende Kreativität all jener, die Presseausweise fälschen und sich als Journalisten ausgeben. Darum habe das Land bei der polizeilichen Aus- und Weiterbildung nachgeschärft, sei damit aber auch noch nicht fertig.  Vor allem in der lokalen Berichterstattung seien Journalisten Gewalt und Bedrohungen ausgesetzt, sagt Andreas Lamm. Denn dort begegnen sich Politiker und Journalisten meist auch im privaten Umfeld.

Heiko Hilker
Heiko Hilker (Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung) fordert mehr regionale Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Sendern.  Foto: Jan-Markus Holz

Mehr Regionalität gefordert

Dabei sind Geschichten im Regionalen doch genau die Themen, die öffentlich-rechtliche Sender künftig noch intensiver abbilden wollen und, glaubt man den Teilnehmern eines weiteren Podiums beim Freienkongress, auch müssen. Heiko Hilker vom Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung (DIMBB) kritisiert, dass vor allem der MDR und der RBB im Vergleich zu den 1990er Jahren die regionale Berichterstattung deutlich reduziert haben. Da der öffentlich-rechtliche Rundfunk aber auch in der Region zur Meinungs- und Willensbildung beizutragen habe, dürfe die regionale Berichterstattung nicht reduziert, sondern müsse ausgebaut werden, so Hilker. Eigentlich müsste jede Ratssitzung mit öffentlich-rechtlichen Journalisten besetzt, und jedes wichtige lokale Thema von zwei Seiten kommentiert werden.

Ein Ruf, der im WDR längst angekommen ist. Elmar Pott, WDR-Programmbereichsleiter Wirtschaft, Wissenschaft und Verbraucher, berichtete dazu von der Infostrategie, der Stärkung des Regionalen und dem neuen Reporternetz.

KI – Jobkiller oder Powertool für Freie?

Deutlich kontroverser wurde das Thema „Künstliche Intelligenz“ diskutiert. „Entweder sitzt du am Tisch, oder du stehst auf der Speisekarte“, dieses alte Sprichwort gilt auch im Zusammenhang mit der Künstlichen Intelligenz. Wie kann KI unterstützen, bessere journalistische Inhalte zu produzieren? Aber auch: Steht am Ende weniger Arbeit für Freie, weil Redaktionen glauben, Jobs ganz oder teilweise von KI-Klonen erledigen lassen zu können? Bei diesen Fragen lagen die Meinungen der Teilnehmenden teils weit auseinander. Einige Diskussionsteilnehmer forderten einen konsequenten Verzicht auf direkte Produkte Künstlicher Intelligenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um damit eine Art weiteres „Qualitätssiegel“ zu schaffen. Andere sahen vor allem die Vorteile der unterschiedlichsten KI-Anwendungen. Diese lägen vor allem in der Recherche und der Arbeitserleichterung.     

Der Freienkongress wird jährlich vom Freienrat organisiert. Dieser bündelt die Interessenvertretungen für Freie der öffentlich-rechtlichen Sender.

Die Stimme der Demokratie gegen mächtige Plattformen in Deutschland und der Welt stärken

Parteiübergreifender Aufruf auf dem Freienkongress 2026 bei der Deutschen Welle in Bonn

Medienpolitiker von CDU, SPD und Grünen haben auf dem Freienkongress 2026 zur Stärkung des unabhängigen Rundfunks gegen den zunehmenden Einfluss von Big-Tech-Konzernen aus den USA und China aufgerufen. Der nordrhein-westfälische Medienminister Nathanael Liminski (CDU) forderte auf dem Kongress der freien Mitarbeitenden im Rundfunk am 24. und 25. April 2026 bei der Deutschen Welle in Bonn eine faire Regulierung der Big-Tech-Plattformen. Die Sprecherin für Digitalisierung der Grünen im Düsseldorfer Landtag Julia Eisentraut rief zudem die Sender dazu auf, mit ihren Angeboten stärker auf unabhängige Plattformen zu setzen, um die Vielfalt und die Einhaltung demokratischer Spielregeln zu gewährleisten. Rodion Bakum, medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag NRW, unterstrich die Bedeutung des Rundfunks für eine demokratische Gesellschaft und forderte von den Sendern Innovationen, bei denen die vielen freien Mitarbeitenden an entscheidender Stelle berücksichtigt werden müssten.

Auf dem Freienkongress 2026 diskutierten rund 180 freie Teilnehmer*innen über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seine Bedeutung in Zeiten von Desinformation und Fake News. Wichtiges Thema waren die rapiden Veränderungen der journalistischen Arbeit in den Sendern sowie die Bedeutung einer unabhängigen und hochwertigen Berichterstattung – als Markenzeichen der Demokratie in Deutschland und weltweit.

„Dickes Brett“ für Tarifverhandler

Der Freienrat von ARD, ZDF, Deutscher Welle und Deutschlandradio hat seine Auszeichnung „Das Dicke Brett“ in diesem Jahr allen engagierten Gewerkschaftsmitgliedern gewidmet, die sich für die Weiterentwicklung der sogenannten „12a-Tarifverträge“ für arbeitnehmerähnliche Freie einsetzen. Stellvertretend für die vielen hundert Aktiven nahmen Manfred Kloiber (Bundesvorsitzender der ver.di-Fachgruppe Medien) und Michael Hirschler (Referent für Freie beim Deutschen Journalistenverband) die Auszeichnung entgegen. Anlass war der Freienkongress 2026 in Bonn.

Die Verleihung des Dicken Bretts 2026 auf dem ARD-Freienkongress in Bonn
Manfred Kloiber (Bundesvorsitzender ver.di-Fachgruppe Medien), Christoph Reinhardt (Vorstand Freienrat, RBB), Stephanie Funk-Hajdamowicz (Vorstand Freienrat, WDR) und Michael Hirschler (Referent für Freie beim Deutschen Journalistenverband) Foto: Jan-Markus Holz

Eine Fachveranstaltung des Freienkongresses hatte sich mit einer kritischen Zwischenbilanz der sogenannten 12a-Tarifverträge befasst und weitere Verbesserungen für Freie gefordert.

50 Jahre Tarifverträge für Freie

Der erste Tarifvertrag für arbeitnehmerähnliche freie Mitarbeitende war vor 50 Jahren im Februar 1976 geschlossen worden, kurz nachdem der Gesetzgeber diese Möglichkeit im Tarifvertragsgesetz durch die Einfügung des § 12a ermöglicht hatte. Bis heute bilden diese Tarifverträge die wichtigste soziale Grundlage für die rund 18.000 „festen Freien“ in den öffentlich-rechtlichen Sendern, indem sie gesetzliche Schutzrechte für Arbeitnehmer nachbilden – unter anderem die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, besonderer Schutz bei Schwangerschaft oder in Erziehungszeiten oder Anspruch auf Erholungsurlaub.

Mit dem „Dicken Brett“ zeichnen die Interessenvertretungen der Freien in ARD, ZDF, Deutscher Welle und Deutschlandradio seit 2018 regelmäßig herausgehobene Projekte aus, die die Lage von freien Mitarbeiter:innen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbessern.

Das war der Freienkongress 2026 – die Veranstaltungen

Freitag, 24. April

PODIUM 1:
Freie und Pressefreiheit weltweit unter Druck


Moderation: Stephanie Hajdamowicz

  • Danica Bensmail, dju in ver.di, Bundesgeschäftsführerin
  • Nathanael Liminski (CDU), Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen
  • Barbara Massing, DW, Intendantin
  • Mika Beuster, DJV, Bundesvorsitzender
  • Andreas Lamm, European Centre for Press and Media Freedom (ECPMF)

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PODIUM 2
Alles Eins – Bleiben Regionalität, Vielfalt und freie Beschäftigung auf der Strecke?

Moderation: Stefan Tiyavorabun

  • Heiko Hilker, Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung (DIMBB)
  • Rodion Bakum (SPD), Medienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag NRW
  • Elmar Pott, WDR, Programmbereichsleiter Wirtschaft, Wissenschaft und Verbraucher

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PANEL 1
Gesucht: Sicherheitsnetz für freie Krisenreporter*innen

Moderation: Stephanie Hajdamowicz, Gast: Arndt Ginzel, Krisenreporter

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Samstag, 25. April

PODIUM 3
Auf immer abhängig? Wie kommen wir raus aus der Big-Tech-Falle?

Moderation: Jan Markus Holz

  • Ulrich Kelber, ehemaliger Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit
  • Björn Staschen, Save Social, Geschäftsführer
  • Erika Marzano, DW, Program Management
  • Julia Eisentraut (Grüne), Stv. Vorsitzende und Sprecherin für Digitalisierung NRW

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PANEL 5
KI – Jobkiller oder Powertool für Freie?


Moderation: Stefan Tiyavorabun

  • Professor Michael Schwertel, Cologne Business School
  • Jan Eggers, Digitaljournalist (WDR/hr)

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Vernetzt – gewinnt.

Freienkongress bei der Deutschen Welle im April 2026

Drei Podien, zehn Panels. Der Freienrat ist mitten in der Planung für den nächsten Freienkongress bei der DW am 24. und 25. April in Bonn. Mit Politikprominenz, Expert:innen, Gewerkschaften, Medienvertreter:innen und Personalräten.

Die Zentrale der Deutschen Welle im Schürmann-Bau, einst als Abgeordnetenbürohaus geplant, passt durch den transparenten Bau ideal zum Kongress und zum Vernetzen. Die Kongressplanung ist im vollen Gange. Eine Delegation des Freienrats traf sich am 16. Oktober in Bonn, um die Eckpunkte des zweitägigen Kongresses festzuzurren. Die Intendantin der Deutschen Welle, Barbara Massing, hat ihr Kommen zugesagt, der Gesamtpersonalrat der DW unterstützt den Kongress. Weitere Anfragen an Talkgäste und Expert:innen sind raus.

Geplant sind an den beiden Kongresstagen unter anderem Podien über Auswirkungen des Reformstaatsvertrags auf uns Freie, die Rolle der Regionalität und der Vielfalt. Themen wie die „Big-Tech-Falle“ bzw. die Abhängigkeit der Sender von multinationalen Technologiekonzernen sollen diskutiert werden. Genauso der zunehmende Druck auf Freie und die Pressefreiheit weltweit.

Als Themen vorgesehen für die zehn Panels und Workshops sind unter anderem: Bessere Honorare in der ARD, Jobkiller KI?, Erfolgsrezept Podcast, Schutz vor Angriffen und Anfeindungen, Rente für Freie, Home Office bei Freien, Neue Schwierigkeiten beim Themenverkauf, Einkommenssicherung für Freie u.a.

Natürlich steht die Vernetzung und der Austausch unter uns Freien quer durch ARD, ZDF, DLR und DW im Mittelpunkt eines jeden Kongresses, für viele in den vergangenen Kongressen mit das Wichtigste.

Die großen Podien werden live gestreamt und Gäste aus allen Sendeanstalten sowie Medienvertreter:innen und Interessierte sind herzlich willkommen.

Merkt Euch schon mal das Datum:

24./25. April 2025 bei der DW in Bonn.

Zukunft für Freie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sichern

Der Freienrat fordert eine verlässliche und fair honorierte Beschäftigung für Freie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dazu haben die Vertreter:innen der Freien von ARD, ZDF, DLR und DW auf ihrem Jahrestreffen in Erfurt neue Initiativen in den Sendern und mit verantwortlichen Medienpolitikern geplant.

Wie wirkt sich die Rundfunk-Reform auf die Freien aus?

Die Reform soll den öffentlich-rechtlichen Rundfunk moderner, schlanker und digitaler machen. Dazu tragen Freie, die überwiegend Programm erstellen, in besonderem Maße bei. Dennoch kommt freie Beschäftigung durch den Reformprozess unter Druck, da die besonderen Bedingungen freier Beschäftigung dies vielfach leichter macht. So gibt es durch die Einführung der Kompetenzcenter in der ARD bereits erste Meldungen von Beschäftigungseinbußen. Zudem kommt es in einzelnen Sendern zu gezielt auslaufenden Befristungen, Einschränkungen oder gar umfangreichen Streichungsplänen wie beim rbb. Hier arbeiten die Vertreter:innen der Freien aus den Personalräten und Freienräten gemeinsam an Strategien zum Schutz freier Beschäftigung in den Sendern. Zugleich plant der Freienrat weitere Gespräche mit verantwortlichen Medienpolitiker:innen, um bessere Bedingungen für feste Freie und den Rundfunk insgesamt zu erreichen. Dazu gehört nach Auffassung des Freienrates auch die stärkere Regulierung von KI gestützten Big-Tech-Plattformen, die zunehmend in die Medienbranche drängen.

Nächster Kongress mit den wichtigen Freienthemen für Ende April 2026 in Bonn geplant

Die Existenz- und Beschäftigungssicherung für Freie wird wieder eines der zentralen Themen des Freienkongresses 2026, der für Ende April bei der Deutschen Welle in Bonn geplant ist. Dazu organisiert der Freienrat den Dialog der Freien mit den Intendant:innen und den verantwortlichen Minister:innen. Zugleich soll es in der Diskussion, in Expertenforen und im gegenseitigen Austausch um aktuelle Freien-Themen wie die Aushöhlung des Urheberrechts durch KI, Pauschal- und Übernahmehonorare, soziale Absicherung und die Nutzung von Social-Media-Plattformen gehen. Nach den Sommerferien wird es dazu ein “Save the date” geben.

Offener und starker Rundfunk statt private Social-Media-Monopole

Die Regierungen des Bundes und der Länder müssen einen neuen Rahmen für guten Journalismus schaffen. Dies geht nur mit einem starken Rundfunk auf offenen Plattformen, damit die politische Kommunikation im Land nicht immer weiter von privaten Social-Media-Monopolen und den Eigeninteressen ihrer Besitzer gesteuert wird. Das haben freie Mitarbeitende aus ganz Deutschland auf dem Freienkongress 2025 beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt gefordert. Zusammen mit Gästen aus Medien und Politik haben sie die drängenden Fragen diskutiert – von der zunehmenden politischen Macht der Social-Media-Plattformen, über KI und die Existenzsicherung für Freie bis zum Reformstaatsvertrag. Eingeladen hatte der ARD-ZDF-DLR-DW-Freienrat.

Klar, ohne freie Mitarbeitende sähe das öffentlich-rechtliche Programm ganz schön blass aus. Und doch merken Freie im Rundfunk täglich: Der Druck von außen steigt. “Wir erleben zum ersten Mal in der Geschichte, dass die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angezweifelt wird”, so Stefan Tiyavorabun, SWR-Journalist und Vorstandsmitglied des Freienrats. Er führte durch die Podiumsdiskussion zum Reformstaatsvertrag und der Zukunft des Öffentlich-Rechtlichen. Von der Politik sei da nicht viel zu erwarten, sagte Mika Beuster, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). “Wir erleben Politikerinnen und Politiker, die Medienpolitik nicht mehr gestalterisch angehen. Stattdessen machen sie Medienpolitik zum Spielball.”

Mika Beuster (DJV), Florian Hager (HR), Heiko Hilker (Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung) im Gespräch mit Moderator Stefan Tiyavorabun (Vorstand Freienrat, SWR). Foto: Jan-Markus Holz

Auch Florian Hager, Intendant des Hessischen Rundfunks und ARD-Vorsitzender, fand deutliche Worte für die politische Lage. Man könne nicht mehr davon ausgehen, dass der Finanzbedarf, den die KEF anmeldet, auch durchgehe. „Unser Geschäftsmodell ist, dass die Gesellschaft uns für so wichtig erachtet, dass es uns gibt“, sagte Hager, im gegenwärtigen (medien)politischen Klima sei „das System mit der Beitragsanmeldung über die KEF unsere einzige Rückversicherung“. Nur die Einhaltung des verfassungsrechtlich abgesicherten Verfahrens garantiere den Bestand und die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Für Heiko Hilker vom DIMBB (Dresdner Institut für Medieninformation und Bildung) „führt der Rundfunkänderungsstaatsvertrag in die Irre“ bzw. mit der kleinteiligen Regulierung und dem engen Fokus auf die Zahl der erlaubten Kanäle den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt in die Irrelevanz. Vor dem Hintergrund der Dominanz des digitalen Debattenraums durch wenige US-Plattformunternehmen plädiert er vielmehr dafür, „über das Gesamt-Mediensystem und dessen medienpolitische Ausgestaltung“ zu diskutieren, statt sich um „den immer kleineren Teil vom Kuchen zu streiten.“

Bei diesen unsicheren Zukunftsaussichten war es den Freien beim Kongress umso wichtiger, enger zusammenzurücken. Sie nutzten Panels, Podiumsdiskussionen und jede Pause dazwischen, um sich zu vernetzen und auszutauschen. Speziell die Themen Altersvorsorge und Bestandsschutz für Freie, Urheberrecht und die Podcast-Strategie der ARD wurden in Werkstattgesprächen heiß diskutiert. Für die drängenden Probleme der freien Mitarbeitenden gibt es in den einzelnen Sendern unterschiedliche Lösungsansätze. Die wahrscheinlich am häufigsten gestellte Frage beim Kongress lautete deshalb wahrscheinlich: “Und wie macht ihr das bei euch so?”

“Können uns Zwist zwischen Verlagen und ÖRR nicht mehr leisten”

Der Freienkongress ist inzwischen – neben einem Ort des Austauschs – auch zu einer medienpolitischen Plattform geworden. In diesem Jahr standen dabei vor allem die Themen KI und die Rolle des ÖRR im digitalen Raum im Mittelpunkt. Spätestens seit der Amtsübernahme von Donald Trump ist klar, wie gefährlich es ist, den digitalen Raum den großen Tech-Giganten zu überlassen. Ein Rückzug des ÖRR von den großen Plattformen könne nicht die Lösung sein, so Florian Kumb, Direktor Audience beim ZDF. “Denn die Alternative ist, dass man den gesellschaftlichen Diskurs auf diesen Plattformen ohne gesicherte Informationen führt”. Zeitgleich müssten neue, eigene Angebote geschaffen werden. “Aber bitte gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren, wie Universitäten und Bibliotheken”, forderte Björn Staschen. Er ist Journalist und Mitinitiator der Kampagne “Save Social”. “Wir sollten nicht nur das Eigene stärken, sondern auch gemeinsam mit anderen etwas Gutes schaffen.”

Florian Kumb (ZDF), Helge Lindh (SPD), Björn Staschen (NDR) im Gespräch mit Moderator Stefan Müller (HR). Foto: Jan-Markus Holz

Den alten Zwist zwischen Verlagen und ÖRR könne man sich angesichts der übermächtigen amerikanischen und chinesischen Plattformen gar nicht mehr leisten, hieß es dazu aus dem Publikum. Auch SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh sagte: “Die Verlage und die Öffentlich-Rechtlichen schauen gerade vor allem auf ihre eigenen Befindlichkeiten. Jede Sterbensverhinderung wird da für sich betrachtet. Dabei müsste es doch darum gehen, gemeinsam eine Überlebensgemeinschaft zu bilden.”

“Dickes Brett” geht an die MDR-Freienräte

Nach zwei Tagen Freienkongress blieb am Ende nur noch eine Frage übrig: Wer darf das “dicke Brett” mit nach Hause nehmen? Mit dem Preis zeichnet der Freienkongress seit 2018 Kolleginnen und Kollegen aus, die sich mit besonders viel Mut und Ausdauer für die Rechte freier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingesetzt haben. In diesem Jahr durften sich die Kolleg*innen von den MDR-Freienräten freuen. Begründung der Jury: Trotz der Änderung im Bundespersonalvertretungsgesetzes (BPersVG) schließen die MDR-Länder immer noch freie Mitarbeitende aus den Personalräten aus. Und dennoch zeigen die Freien in drei Flächenländern an fünf Standorten Präsenz. Weiterbohren!

Jan-Markus Holz (MDR-Freienrat) und das Dicke Brett in der Mitte, mit dem Vorstand des Freienrats und dem HR-Organisationteam (v.l.n.r: Christoph Reinhardt, Stefan Tiyavorabun, Sylvia Kuck, Stephanie Hajdamowicz, Christian Arndt). Foto: Olaf Parusel.

(Stichwort Freienrat: Der Freienrat bündelt die Interessenvertretungen für Freie der Sender – seien es Personalräte (NDR, RB, WDR, SWR, HR, SR, ZDF, DW, RBB) oder Freienvertretungen (BR, Deutschlandradio, MDR). Der Freienkongress findet jährlich im Frühjahr statt und ist offen für alle Freien der öffentlich-rechtlichen Sender. Die diesjährige Schirmherrschaft teilten sich der Intendant des Hessischen Rundfunks Florian Hager und der Gesamtpersonalrat des HR. Die organisatorische Verantwortung im Hessischen Rundfunk hatten Sylvia Kuck und Christian Arndt).

Text: Mirjam Benecke

Ansprechpartner Freienrat:
Stephanie Hajdamowicz
Christoph Reinhardt
Stefan Tiyavorabun

Podcast-Talk „Make or Buy“

Foto: Jan-Markus Holz

Beim von Christian Arndt (hr) moderierten Podcast-Talk ging es um die Frage „Make or Buy“ und wie freie Mitarbeitende in diesem wachsenden „Geschäftsfeld“  der öffentlich-rechtlichen Medienhäuser bestmöglich eingebunden werden können. Thomas Müller, verantwortlich für das Programm der ARD Audiothek, zeigte sich zuversichtlich, dass erstens die Quote von „zwei Drittel Eigenproduktionen“ auch in Zukunft gehalten werden könne und zweitens die „digitalen Senioren“ der Zukunft verstärkt anspruchsvolle Audioinhalte nachfragen würden.

Stephan Ziegert, Redaktionsleiter von Detektor.fm sprach über die Kooperation mit dem RBB für den inzwischen mehrfach preisgekrönten Story-Podast „Teurer Wohnen“, wo beide Partner ihre unterschiedlichen Stärken ausspielen konnten, und Davide di Dio (hr), Headautor für „Das Imperium Heidi Klum“ erklärte, wie eine Volontärinnen-Idee zum erfolgreichen „Hero Content“ der Audiothek wurde.

Nicht unerwähnt blieb auch das Dilemma der Freien, immer höchste Qualität liefern zu wollen und deshalb oft mehr Zeit investieren zu müssen, als sie tatsächlich bezahlt bekämen. Will die ARD ihren Auftrag auch in der digitalen Sphäre optimal erfüllen, braucht es eine auskömmliche Finanzierung.